soundance festival

Anorakvariationen oder warum Musik und Tanz Beziehungsarbeit brauchen

Jenny Haack hat Tanz in Freiburg und Bildende Kunst in Braunschweig studiert, sich im Laufe ihrer Arbeit jedoch mehr und mehr für das unzertrennliche Paar Tanz und Musik, beziehungsweise Tanz und Sound, interessiert. In den 1990er Jahren kam sie nach Berlin und ist geblieben. Im Jahr 2017 hat sie das soundance festival berlin gegründet, das seither jährlich im DOCK ART gezeigt wird. Hier eine Einführung in Soundance, die aus einem Gespräch zwischen Astrid Kaminski und Jenny Haack entstanden ist.

Musik und Tanz sind schon immer untrennbar miteinander verbunden. In einigen alten Kulturen wurden sie sogar von ein und derselben Person verkörpert. Seit der Neuzeit haben sie als selbstständige Künste jedoch eine Art Hierarchie untereinander entwickelt. Stellvertretend dafür stehen Ballettaufführungen. Sie funktionieren, grob gesagt, bis heute meist unter dem Motto „Musik an, Tanz ab“. Im zeitgenössischen Tanz ist das anders, allerdings musste sich auch dieser durchaus von der Musik emanzipieren. So hat die postmoderne Choreografin Trisha Brown am Anfang ihrer Karriere in den 1970er Jahren gesagt, sie wolle nicht befehligt werden von der Musik und darum viel mit der Stille gearbeitet. Heute nun sind die hierarchischen Kämpfe ausgefochten, und es kann wieder zu wirklichen Begegnungen zwischen Tanz und Musik kommen. Diese Begegnungen passieren praktisch bei jeder Tanz-Performances, aber sie werden längst nicht immer als solche thematisiert.

Das Soundance-Festival füllt diese Lücke nun schon seit 10 Jahren. Dazu werden, wie Jenny Haack es formuliert, „ausschließlich Künstler:innen eingeladen, die eine eigene Autor:innschaft für ihr Werk mitbringen, sodass Kooperationen und Beziehungsarbeit auf Augenhöhe stattfinden können“. Es geht um ein Ausloten von zwei künstlerischen Positionen, nicht darum, dass nur eine Position den Rahmen der Beziehung bestimmt. „Im Fokus steht die Begegnung an Ort und Stelle. Dabei spielt auch das künstlerische Mittel der Improvisation eine große Rolle“ ­ was aber wiederum nicht heißt, dass es sich um reine Momenteinfälle handelt. Vielmehr wird ein Thema, ein Interesse, eine Forschungsrichtung, eine Struktur, etc. definiert, Material dazu erarbeitet, und aufgrund dieser Parameter kann dann improvisiert werden.

Die Art der Improvisation ist in diesem Fall weniger ein Produkt des postmodernen Tanzes (der dafür bekannt ist, wichtige neue Improvisationstechniken entwickelt zu haben), sondern vielmehr aus dem Kontext der Begegnung der zeitgenössischen freien Tanzszene und der Berliner Echtzeitmusikszene entstanden. Echtzeitmusik ist eine Richtung, die sich im Berlin der 1990er Jahre in dem typischen Hinterhofclubflair entwickelte. In der Zeitgenössischen Musik waren die Mittel der Improvisation bis dahin weitgehend unausgeschöpft. Improvisation war eher etwas, was in der Musikszene mit dem Jazz verbunden wurde. Dadurch, dass sich nun die professionelle Musiker:innen dafür interessierten, nicht mehr nach Partitur zu spielen, sondern im Moment zu komponieren, entstand eine neue Energie, die auch zeitgenössische Tänzer:innen inspiriert hat (und vice versa¹).

Darunter natürlich Jenny Haack, die u.a. „viele Abende im heute nicht mehr bestehenden „Anorak“ in der Dunckerstraße und in anderen Off-Orten der freien Tanz- und Musikszene“ im Prenzlauer Berg zugebracht hat. In jeder Festivalausgabe versucht sie daher mindestens ein Werk einzuladen, das an diese Zündstelle anknüpft. In diesem Jahr ist es „It's Possible“ von Christine Bonansea, die in San Francisco selbst ein Festival für Musik und Tanz gegründet hat, und Axel Dörner, einem Veteran der Echtzeitmusik. Darüber hinaus verspricht Jenny an den vier Festivalabenden eine „wirklich große Verschiedenheit der Begegnungen zwischen Musik und Tanz herzustellen, ein großes Spektrum“. (In der Musik wird ein Klangspektrum übrigens erzeugt durch jene Klänge, die man nicht bewusst hört, deren Zusammensetzung aber dafür sorgt, dass ein Ton ein Ton ist. Vielleicht ähnlich wie der Muskeltonus im Tanz.)

Daten:

¹ Ein Beispiel: Eine Geste, die zum Beispiel entsteht, wenn eine Violinistin den Geigenbogen ansetzt, kann vom Tanz aufgenommen werden und zu einer eigenen Bewegungssequenz führen, die wiederum von der Musikerin in melodischen oder Rhythmusvariationen fortgesetzt wird, und diese werden wiederum von der Tänzerin aufgenommen, oder blockiert, oder variiert, etc. Jedes Detail der Begegnung kann also unter dem Vergrößerungsglas des Interesses zu einer neuen künstlerischen Methode werden.