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Theater als Treffpunkt, nicht als Repräsentationsform

Mit Hinterhof-Multifunktionsräumen und einer Fabrikhalle fing es an.
Heute ist das DOCK 11 eine wichtige Tanzbühne mit angrenzendem Studiopark und Gästehaus und steht vor allem für eines: Stildiversität.

Eine Bestandsaufnahme von Astrid Kaminski

Foto: Anna Falkenstein

Ob geflutet mit Wasser, gefüllt mit Erde, entkernt oder mit Tribüne, jedes Wochenende verwandelt sich die Theaterhalle DOCK 11 in ein anderes Biotop. Jedes heißt jedes. Spielzeitferien gibt es nicht. Dazu ist der Raum zu gefragt. Hunderte von Künstler:innen haben die DOCK-11-Bühne inzwischen bespielt. Mit höchstens 99 Zuschauer:innenplätzen bietet sie ein eher intimes Setting, das jedoch nicht nur von Einsteiger:innen genutzt wird. Vielmehr begleiten der Bühnenraum und seine Möglichkeiten viele Tanzschaffende über lange Jahre ihrer Karriere hinweg.

Hier können Ideen gesponnen werden, die nicht zwangsläufig auf eine Repräsentationsform ausgerichtet sind sondern aus Begegnung entstehen oder auch als Begegnung angelegt sind. Das allseits gepriesene Techniker:innen-Team ist dabei ein wichtiger Faktor. Bereits 1996 hat Felix Ruckert den Raum für seine Forschung zu Tanz und Begegnung(„Hautnah“) in 1:1-Inszenierungen verwandelt. Solche Formate waren damals, als postdramatisches Theater eher Theorie als Praxis war, noch sehr selten. Eine Arbeit am kontemplativen Gegenpol des Prozessorientierten schuf die Choreografin Amanda Miller, als sie – mit Einwilligung des Dalai Lama – buddhistische Mönche einlud, Sandmandalas in den Raum zu legen (OT, 2004).

Später hat Nir de Volff, der inzwischen die erste inklusive deutsche Tanzkompanie in Leipzig leitet, die verschiedenen Etappen seiner erfolgreichen Wir-schaffen-das-Choreografie „Come as you are“ (2017) mit syrischen Flüchtlingen im DOCK 11 entwickelt, im Coronajahr 2020 konnten Peter Pleyer und Michiel Keuper mit einer durational performance ihre Company Cranky Bodies begründen – eine der sehr wenigen Berliner Initiativen der letzten Jahre, die Verantwortung für eine Gruppe über einen längeren Zeitraum übernehmen will.

Angefangen haben Wibke Janssen und Kirsten Seeligmüller, die Gründerinnen und Geschäftsführerinnen des DOCK 11, kurz nach der Wende. Nach dem Mauerfall zog es die beiden Hamburgerinnen in den Ostteil der Stadt. Es interessierte sie das, was im Idealfall positiv vom Osten übrigbleiben würde: ein anderes Verhältnis zu Arbeit und Geld, die Rolle der Frau. Zunächst mieteten sie nur einen Raum, ein Hinterhof-Loft in der Kastanienallee 79, im Prenzlauer Berg. Es wirkte, so erinnern sie sich, als sei der Ort, der zuvor für Büros und verschiedene Gewerke genutzt wurde, sortiert verlassen worden.

Telefoniert wurde in der Telefonzelle Ecke Oderberger Straße. Schlange stehen gehörte dazu. Wer übers Telefon kein Glück hatte, kommunizierte über Zettel, die unter Haustüren durchgeschoben wurden. Auf die Energie der Truppe wirkte sich das keinesfalls negativ aus. Im Hinterhof wurde entkernt, renoviert, am Vormittag mit der eigenen Company geprobt, am Nachmittag fanden Kurse statt, am Wochenende Aufführungen und die heute legendären Partys auf dem großteils noch brachliegenden Gelände. Die Rainbirds haben gespielt, oder auch Bob Rutman in Combo mit Musikern der Einstürzenden Neubauten.

Doch bald schon wird die Community zu groß, der Platz zu knapp. 1996 erfolgt der Ausbau der Fabrikhalle im Hof zum Theater. Um pünktlich für Tanz im August, das international bedeutende Berliner Sommer-Tanzfestival, fertig zu werden, findet eine öffentliche Aktion zum Fenstereinbau statt. Die Halle ist so schlicht wie großzügig gehalten. Die ursprüngliche Bausubstanz bleibt erhalten und wird mit ökologischen Materialen behutsam saniert. Für den Rest des Lofts – inzwischen auf drei große Studios für die rund 15 täglichen Tanzkurse und ein Café angewachsen – gelingt es, Firmen zu Vorleistungen zu überreden. Der Einbau der restlichen Fenster und der Heizungsanlage werden nicht bei der Bank, sondern bei Handwerksbetrieben abbezahlt.

Aber Banken zu überzeugen war dann doch Thema. Der Mietvertrag lief aus, der Eigentümer wollte verkaufen. Er blieb mit seinen Forderungen zum Glück fair. Die DOCK 11 GbR rang sich zum Kauf durch und fand mit der GLS-Bank einen Partner, der den Kauf möglich machte.

Bereits 2009 konnte, nach langjährigen Bemühungen, zudem die Dependance EDEN***** in Pankow eröffnet werden, wo auf einem parkähnlichen Grundstück mit Mitteln aus der Stiftung Deutsche Klassenlotterie mehrere Studiohäuser gebaut wurden, die Proberäume, Residenzapartments und eine flexible Bühne für bis zu 300 Zuschauer:innen bieten. Künstler:innen, aber auch Universitäten und auswärtige Kulturinstitute, mieten sich dort ein.

Die Qualität der Studios ist unbestritten. Peter Pleyer, der Trainer und Choreograf, der von 2007 bis 2014 die Tanztage in den Sophiensælen leitete und auch beratend für das DOCK 11 tätig ist, freut sich für die Szene: „Zusammen mit den Uferstudios haben wir nun zwei hervorragend ausgestattete Probenorte im Norden der Stadt.“ Eine Konkurrenzsituation entstehe in Pleyers Augen bei Weitem nicht, dazu sei der Bedarf zu groß. Unter guten Bedingungen proben zu können, ist für die ständig wachsende Berliner Tanzszene eine wichtige Komponente internationaler Anschlussfähigkeit geworden. Auch die Möglichkeit flexibel zwischen Proben-, Forschungssituation und Showings zu agieren, richtet sich nach den Bedürfnissen neuer Präsentationsformate.

Die Studios sind ganzjährig ausgebucht. Wer einmal da war, kommt meist wieder. Je nach Budget der Produktionen und dem Stand des eigenen Umsatzes können die Geschäftsführerinnen flexibel auf Anfragen reagieren und die Studios auch einmal an finanziell weniger gut ausgestattete Künstler:innen vergeben. Meg Stuart, Laurent Chétouane oder das Dance On Ensemble proben im EDEN*****, und viele schwärmen von der Atmosphäre und den klaren, atmenden Räumen.

EDEN***** erinnert an eine Szene aus Wim Wenders Pina-Bausch-Film, in dem der Tänzer Damiano Ottavio Bigiin einem komplett verglasten Studio im Wald tanzt und es wirkt, als entstünde zwischen den Bewegungen und der Präsenz der Bäume und dem Tanz eine gemeinsame Energie. So ist es auch in Pankow. Die Gebäude wurden dort praktisch in die Bäume reingeschoben – kein einziger musste gefällt werden. Zusammen mit ihnen erleben die Tänzer:innen die Jahreszeiten und Bewegungen des Wetters wie Wind und Lichtspiele. Das Gutgemachte der Räume wirkt dabei immer noch untypisch für Berlin – so großzügig gedacht, so sehr der DIY-Nach-Wende-Ästhetik entwachsen, dass es sich anfühlt, als habe man einen Ausflug zu skandinavischer Großzügigkeit und Weite gemacht.

Oder anders gesagt: Hier, in diesen Studios, die auch zu Aufführungs- und Ausstellungsorten umgewandelt werden können, wird die Tanzszene an das internationale Weltstadtflair des heutigen Berlins anschlussfähig. Kirsten Seeligmüllers und Wibke Janssens Studio-Tanzpark in Pankow und die charismatische Fabrikhalle im Prenzlauer Berg verbinden auf diese Art Geschichte und Gegenwart der Stadt.

Die noch wesentlichere verbindende Komponente ist jedoch: das Element der Begegnung. Das DOCK 11 ist als Theaterhalle nicht ohne die angegliederten Bereiche denkbar. Die Mischkalkulation der Finanzierung ist dabei das eine, wichtiger sind die Begegnungsmöglichkeiten durch die (Profitrainings-)Kurse, durch die gemeinsamen Pausen von probenden Choreografinnen oder durch den Austausch im Café und Garten zwischen in Berlin ansässigen Künstlerinnen und internationalen, die sich in den Gästezimmern einmieten. Dabei entsteht ein Austausch über Ideen, neue Techniken, Ästhetiken, Jobs, Tourmöglichkeiten oder gar der Wunsch einer Zusammenarbeit. Solche Räume, die für mehr als ein Schichtsystem, stehen, fehlten in Berlin jahrelang.

In diesem Punkt lohnt sich der Blick über die Grenzen der Stadt nach Wien, zum größten europäischen Tanzfestival ImPulsTanz. Es gilt in der weltweiten Szene als ein Ort, an dem Kunst und Technik, Gespräch und Experiment, nächtelanges Tanzen und Diskurs jeweils vier Wochen lang im Sommer auf sehr viel Raum zusammenkommen. Die Programmateure versuchen Künstler:innen dabei so gut es geht zu ermöglichen, möglichst lange und in verschiedenen Funktionen beim Festival zu Gast zu sein, so, dass es eben tatsächlich zu einem Miteinander kommen kann. Ein solcher organisierter Raum für die Neugier und das Offene, ein inspirierendes Nebeneinander, das ein Miteinander werden kann, ist gerade in den hauptsächlich freien Strukturen der Tanzwelt mit vielen Nischen und existentiellen Überlebenskämpfen ein großer Gewinn. In Berlin, wo es bislang noch keinen staatlich gestellten Tanzort gibt, sind es vor allem das DOCK 11, EDEN****, die Tanzfabrik und die Uferstudios, die solche wichtigen Begegnungsräume bieten.

Genauso wichtig wie die Produktionsbedingungen ist, dass der Tanz, der in Berlin produziert wird, auch hier gezeigt werden kann. Der wandelfähige Charakter des DOCK 11 zwischen Showcase, Probenbühne und Tribünentheater bildet daher nach wie vor eine wichtige Konstante des Tanzschaffens vor Ort. Die Halle ist bis heute Berlins einzige Bühne, die an erster Stelle dem Tanz gewidmet ist. Durch eine seit 2006 im Zweijahrestakt bewilligte Senatsförderung, die inzwischen zunächst bis 2024 in eine Konzeptförderung übergegangen ist, kann die Bühne ohne Zuzahlung an Künstler:innen angeboten werden und jede Produktion eine ganze Woche lang in den Aufführungsräumen proben – Bedingungen, die es ansonsten außerhalb des Ensemblebereichs kaum gibt. Oft gibt es an Freien Spielstätten nur eine einzige Bühnenprobe.

Auch Festivals und Themenfokusse entstehen nicht auf Papier sondern wie das Tanzfilmfestival Pool oder das Nachbarlandsshowcase „Un/polished“ durch die Synergien der Orte und ihrer Möglichkeiten sowie den Treffpunkt-Charakter des Ortes. So hat sich zum Beispiel das Research- und Performancefestival b12 – von Johannes Wieland und Evangelos Poulinas ins Leben gerufen und veranstaltet – inzwischen zum international wahrgenommenen Magnet entwickelt. Für die freie israelische Szene ist der Ort ebenfalls wichtig geworden. Seit Jahren besteht ein reger Austausch zwischen dem MASH-Tanzhaus in Jerusalem und dem DOCK 11. Bei regelmäßigen wechselseitigen Besuchen wird jeweils ein Festivalprogramm zusammengestellt und ein Netzwerk für Künstler:innen mit Arbeitsschwerpunkt in den zwei Ländern gebildet.

An dieser Stelle entsteht eine weitere Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Die Studios des Theaters sind in Räumen entstanden, die 1895 als Antik- und Eichenleistenfabrik gebaut wurden. Dr. Kurt Rosenfeld, der Sohn des damaligen Bauherrn wurde als Strafverteidiger von Rosa Luxemburg, Walter Bullerjahn und Carl von Ossietzky bekannt. Sein Anteil am Gelände wurde 1933 von der Gestapo beschlagnahmt.Die Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte, die sich in Berlin in permanenter Aufarbeitung befindet, ist somit auch im DOCK 11 stark spürbar – sie war und bleibt Gegenstand von energetischen Auseinandersetzungen und Recherchen.

Die Vielseitigkeit der Ausrichtung zu den Communities hin und der Umfang des Netzwerks des DOCK 11 sind in jeder Beziehung – inhaltlich wie ästhetisch – wesentlich für das Programm des Theaters. Butoh wird genauso gezeigt wie Konzepttanz, neoklassisch geprägter Tanz und Postmodern, Eva-Meyer-Kellers an Bildender Kunst orientierte Raumkunst oder die Traumforschungswelt von Anna Novicka. Polnische, israelische und griechische freie Szene genauso wie das internationale Tanzfilmfestival Pool – das auch durch die damit verbundenen langen Gastmahltafeln bekannt ist. Organisches Wachstum, das Nähren des Vorhandenen, Gemeinsamkeit und geteilte Erfahrung sind den Macher:innen wichtiger als kuratorische Motti oder eine Best-of-Auswahl.

Auswahlverfahren gibt es dennoch, allein um die Bewerbungen für die Bühnenvergabe zu sichten. Dies geschieht sowohl durch die Geschäftsführer:innen wie auch durch ein Netzwerk aus kuratorischen Berater:innen. Auch die Mitarbeiter:innen haben die Möglichkeit, sich für ihnen wichtig erscheinende Künstler*innen einzusetzen, indem sie sich für Beratung oder das Schreiben von Förderanträgen zur Verfügung stellen. Im Rahmen der aktuellen Konzeptförderung können zudem erstmals Koproduktionsbeiträge an Künstler:innen vergeben werden.

„Stildiversität“ ist dem Dock 11 dabei ein erklärtes Anliegen. Bei allem Raum für Beziehungen und Begegnungen, soll Offenheit für noch nicht Wahrgenommenes und Überraschendes bleiben. Ergänzend zum respektvollen Nebeneinander der Ästhetiken treibt das Bemühen um gleichwertige, nicht-hierarchische Arbeitsverhältnisse die Geschäftsführerinnen in ihrer inzwischen 30-jährigen Zusammenarbeit. Hohe Ideale und Pragmatik – das scheint am DOCK 11 kein Widerspruch zu sein.

Geschäftsführerinnen: Wibke Janssen, Kirsten Seeligmüller
Programm: Wibke Janssen, Peter Pleyer
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Katja Karouaschan
Künstlerische Produktionsleiterin: Anna Bergel
Kommunikation: Kerstin Böttcher
Textarbeit: Jette Büchsenschütz
Produktion: Ayako Toyama
Social Media: Harriet Meyer
Buchhaltung: Cornelia Conrad
Technische Leitung: Asier Solana
Technische Betreuung: Fabian Bleisch, Naia Burucoa, Roy Carol, Julian Hoffmann, Daniel Paiva de Miranda, Yoann Trellu
Technische Assistenz: Thiago Rosa d Santos Olivera
Vorstellungsbetreuung / Abendkasse: Frieda Hicks, Harriet Meyer, Jella Nonnenmacher, Pauline Payen, Dora Sasvari