Archiv werden
Lieber Peter,
dein erstes Solo am DOCK ART liegt nun zehn Jahre zurück. „p“ hieß es damals. Damals, als du dein Studio hier im Theatersaal ausbreitetest, wirkte es fast wie ein Versuch, Ordnung in ein komplexes Geflecht von Erinnerungen und Erfahrungen zu bringen. Es war, als würdest du prüfen, welche Fäden deiner Arbeit sich über die Jahre gezogen haben, welche abrupt endeten und welche noch lose heraushingen, darauf wartend, weiter verknüpft zu werden. Vielleicht war „p“ auch ein Zeichen dafür, dass all diese Fäden irgendwann ein Muster, ein Bild ergeben würden – ein Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt, bis heute und darüber hinaus.
Das heutige Solo kündigt sich als Rückblick an – eine Verdichtung von zehn Jahren solistischer Erforschung, neben deiner Arbeit mit dem Ensemble Cranky Bodies a/company. „Less talking“, sagst du, und hältst es ein. Und doch beginnt der Abend nicht auf der Bühne, sondern im Foyer. Du bewegst dich zwischen den Ankommenden, begrüßt, stellst vor, knüpfst leise ein Netz aus Begegnungen. Auf der langen Bank sitzen Menschen aus Moskau, den USA, Finnland – nach deiner kurzen Begrüßung bleiben sie im Gespräch miteinander. Noch bevor alles offiziell beginnt, ist da diese kleine, vergängliche Gemeinschaft, die sich aus reiner gegenseitiger Aufmerksamkeit formt. Irgendwann werden wir in den Saal gebeten, und der Übergang wirkt weniger wie ein Szenenwechsel, mehr wie ein Verschieben unserer Wahrnehmung.
Dann beginnt die Musik. Éliane Radigues Orgelstück Occam XXV – seine 44:30 Minuten bilden die zeitliche Rahmung der offenen Improvisation, innerhalb derer du choreografische Prinzipien, persönliche Erinnerungen, eben dein umfassendes Bewegungsarchiv miteinander verwebst: Dein Körper tastet den Raum ab, als wolle er dessen und seine eigenen Grenzen neu verhandeln. Die Arme erkunden die Luft vor dem Oberkörper, über dem Kopf. Der Oberkörper krümmt sich, zieht den Raum in sich hinein, Finger tasten, Handgelenke schwingen, Wellen laufen durch dich hindurch. Und doch bleibst du geerdet. Jede Bewegung, so leicht sie scheint, bleibt erdverbunden. Diese Erdung bildet die Voraussetzung für den Körper, zu spüren, zu reagieren, sich zu entspannen. Ich denke an Irene Dowds Taking Root to Fly, an das „Gewicht abgeben“ der Contact Improvisation, an Nancy Stark Smiths Underscore oder an die Alexander-Technik – alles Wege, den Körper zu zentrieren, zu öffnen, zu interagieren.
Was nimmst du wahr in diesem kleinen Dreieck zwischen Arm und Oberkörper?
Wohin wandert deine Aufmerksamkeit, wenn du dich selbst beobachtest?
Dein Körper ist ein Archiv von über sechzig Jahren, prall gefüllt mit Training, Improvisationen, Begegnungen, Lehren, Lernen, Freundschaften – all dies liegt fein geschichtet übereinander. Chi Gong, Eva Karczags Swimming Dragon, Steve Paxtons Material for the Spine, Trisha Brown, Voguing-Walks von Trajal Harrell. Deine Bewegungen erzählen davon ihre eigenen Geschichten.
Unterdessen werden deine Bewegungen mal weiträumiger mal flächiger, kippen zurück – ein Käfer auf dem Rücken, der das Gleichgewicht sucht. Begleitend entfaltet sich Radigues Orgelmusik: fast unbeweglich, minimale Verschiebungen, die dennoch zunehmend intensiver wirken. Der einzelne, lange Drone wächst, sammelt Masse, verdichtet sich und fällt Stück für Stück wieder in die Stille zurück. Die Veränderungen sind so fein, dass man sie oft erst im Nachhinein erfasst. Die Bewegung des Klangs ist kaum wahrnehmbar und doch spürbar.
Was hörst du, was ich anders höre?
Und was entgeht uns vielleicht beiden?
Radigue schreibt: „We live in an universe filled with waves.“ Zwischen Erde und Sonne, bis hinunter zu den kleinsten Mikrowellen – in diesem Spektrum liegt das schmale Band zwischen 60 Hz und 15.000 Hz, das unser Ohr in Klang verwandelt. Die schwebenden Drones wirken gleichzeitig stillstehend und sich verändernd. Eine ambigue Qualität, die einen Zustand meditativer Wachheit erzeugt. Die Musik könnte doppelt so lang dauern – oder ewig.
Mit zunehmender Dichte des Klangs werden auch deine Bewegungen vielschichtiger. Spiralen, Diagonalen, Rotationen der Handgelenke. Dein flatterndes Hemd erzeugt sein eigenes Geräusch, wird Teil der Choreografie und Teil der Komposition.
Was ist heute anders als gestern?
Was bleibt unverändert?
Der Abend schließt mit einer Einladung an uns alle am Slow Rave teilzunehmen – sich so langsam wie möglich zu bewegen. Ein kontinuierliches Fließen, unterlegt von Momenten der Selbstbefragung: Geht es noch langsamer? Wie langsam ist langsam? Es ist eine Aufmerksamkeit auf Atmen, Schwingen, Erden – und Zeit, ein Verbinden von Klang, Bewegung und Raum. Der Abend endet nicht abrupt, sondern löst sich allmählich auf: Körper, Musik und Raum verschmelzen in einer gedehnten, offenen Stille.
Schau dich um. Sehen heißt gesehen werden und zu sehen, was bleibt.
In Verbundenheit,
Jette
Jette Büchsenschütz, Berlin
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